Newsletter · Juni 2026

Die größte Gefahr für Immobilieninvestoren sind heute nicht steigende Zinsen. Nicht die Baukosten. Nicht einmal die Konjunktur. Die größte Gefahr ist der Verlust der Planbarkeit. Denn immer mehr Projekte entwickeln sich zu dem, was Finanzierer inzwischen als „gestrandete Investments“ bezeichnen.

Immobilien, deren Business Case auf dem Papier überzeugt, deren Wirtschaftlichkeit jedoch Jahr für Jahr unter dem Druck steigender Energiepreise, neuer regulatorischer Anforderungen und wachsender Betriebskosten erodiert. Was einst als verlässliches Investment kalkuliert wurde, wird zunehmend zum Unsicherheitsfaktor.


Welche Antworten die Immobilienwirtschaft auf volatile Energiepreise, wachsende regulatorische Anforderungen und steigende Unsicherheiten finden kann, diskutierten Experten beim jüngsten Symposium im 3lectrify Kompetenzzentrum in Sauerlach. 3lectrify-CEO Lars Keussen, Prof. Timo Leukefeld und Architekt Laurent Brückner präsentierten Ansätze, die bereits heute bei zahlreichen Projekten für stabile Finanzierungen und verlässliche Renditen sorgen.

Ihr gemeinsamer Nenner: ein neuer Blick auf die Gebäudeplanung, bei dem das All-Electric Building nicht als technische Option, sondern als strategischer Baustein wirtschaftlicher Resilienz verstanden wird.

Der Elefant im Raum: Abhängigkeit von unkontrollierbaren Faktoren

Planbarkeit war über Jahrzehnte die größte Stärke von Immobilieninvestitionen. Keine andere Anlageklasse versprach eine vergleichbare Kombination aus Stabilität, Werterhalt und kalkulierbaren Erträgen. Wer heute in Wohnimmobilien investiert, muss sich einer unbequemen Frage stellen: Wie belastbar ist mein Business Case, wenn zentrale Kostenfaktoren bereits wenige Jahre nach Fertigstellung nicht mehr prognostizierbar sind? Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, steigende Kosten in eine Kalkulation einzupreisen. Die entscheidende Frage lautet, wie Gebäude so konzipiert werden können, dass sie auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch zuverlässig Erträge erwirtschaften. Und zwar unabhängig von den politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen ihrer Zeit.

Noch immer suchen viele Marktteilnehmer die Antwort an der falschen Stelle. Sie verhandeln über Baupreise, optimieren Finanzierungsmodelle oder kalkulieren größere Risikopuffer ein. Doch diese Maßnahmen bekämpfen nur die Symptome. Das zugrunde liegende Problem wird umschifft, der Elefant im Raum ignoriert. Denn die Abhängigkeit von externen Faktoren, die sich der Kontrolle von Investoren vollständig entziehen, wird als unvermeidbar akzeptiert. Genau darin liegt die Ursache vieler gestrandeter Investments.

Visionäre Architekten nutzen das Rendite-Potenzial des Modells

Kein Projekt, das auf meinem Tisch landet, zieht alle Register. Keins. Die Krise am Immobilienmarkt ist nicht der Mangel an Lösungen. Die Krise ist, dass wir Potenziale konsequent ignorieren.

Laurent Brückner, CEO von Brückner Architekten, einem der größten Architekturbüros Münchens


Denn nicht die Immobilie verliert ihren Wert. Die wirtschaftlichen Annahmen verlieren ihre Gültigkeit. Steigende Energiepreise erhöhen die Betriebskosten. Neue gesetzliche Anforderungen erzwingen Nachinvestitionen. Zusätzliche ESG-Kriterien verändern die Finanzierbarkeit. Was ursprünglich als solide Renditerechnung begann, wird schrittweise ausgehöhlt. So gerät die Wirtschaftlichkeit unter Druck, bis Banken im worst case ihre Zusagen revidieren.

Ziel: strukturelle Ursachen zukünftiger Kostensteigerungen beseitigen

Derzeit zeichnet sich in der Immobilienwirtschaft ein grundlegender Perspektivwechsel ab. Die erfolgreichsten Projekte der kommenden Jahrzehnte sind nicht die, die Kosten am aggressivsten optimieren. Erfolgreich werden Gebäudetypen sein, die ihre Abhängigkeiten konsequent reduzieren.

Genau an diesem Punkt setzt das All-Electric-Building Modell an, das gemeinsam mit Prof. Timo Leukefeld entwickelt und in tausenden Wohnungen erfolgreich umgesetzt wurde. Die Grundidee ist ebenso einfach wie weitreichend: Wenn Energie zu einem unkalkulierbaren Risiko wird, muss das Gebäude einen möglichst großen Teil seiner Energieversorgung selbst übernehmen. Nicht maximale technische Komplexität steht im Mittelpunkt, sondern maximale wirtschaftliche Unabhängigkeit. Das Ziel besteht nicht darin, einzelne Kostenpositionen zu optimieren, sondern die strukturellen Ursachen zukünftiger Kostensteigerungen zu reduzieren.

Das Konzept All-Electric Building basiert auf drei zentralen Säulen

  1. 1.Eigene Energieerzeugung: Großflächige und effiziente Photovoltaikanlagen auf Dächern und Fassaden erzeugen Strom dort, wo er benötigt und verbraucht wird. Das senkt Betriebskosten nachhaltig und reduziert die Abhängigkeit von externen Energiepreisen erheblich.
  2. 2.Moderne, wartungsarme Technik: Die vollständige Elektrifizierung der Gebäudetechnik inklusive intelligenter Steuerung, Infrarotheizungen und dezentraler Warmwasserbereitung reduziert technische Komplexität und senkt Bau- und Betriebskosten spürbar.
  3. 3.Planbare Einnahmen: Ein Pauschalmietmodell inklusive Energie-Flatrate sorgt für stabile, risikoarme Mieteinnahmen. Energiepreisbedingte Eskalationen auf der Betriebskostenseite werden systematisch ausgeschlossen.

Auf dieser Basis entsteht ein Gebäudekonzept, das konsequent auf Elektrifizierung setzt und bewusst auf viele der komplexen Systeme verzichtet, die den Wohnungsbau über Jahrzehnte geprägt haben. Das Prinzip lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Kabel statt Rohre. An die Stelle wasserführender Heizsysteme treten elektrische Lösungen, die direkt mit selbst erzeugtem Strom betrieben werden können.

Was zunächst wie eine technische Entscheidung erscheint, entwickelt sich bei genauer Betrachtung zu einem wirtschaftlichen Ansatz. Weniger Komponenten bedeuten geringere Investitionskosten. Weniger technische Komplexität bedeutet geringere Wartungsaufwendungen. Weniger Verschleiß reduziert langfristig die Notwendigkeit kostspieliger Ersatzinvestitionen.

Kein technischer, ein wirtschaftlicher Ansatz

Das gesamte Potenzial des Modells entfaltet sich jedoch erst durch die Verbindung mit Photovoltaik und einem hohen Grad an Energieautarkie. Je größer der Anteil des vor Ort erzeugten und genutzten Stroms ist, desto geringer wird die Abhängigkeit von externen Energieversorgern und deren Preisentwicklung. Energie wird damit nicht länger zu einer schwer kalkulierbaren Variablen, sondern zu einem weitgehend planbaren Bestandteil des Geschäftsmodells. Unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen entfällt bei einem Autarkiegrad von mehr als 50 Prozent sogar die klassische Nebenkostenabrechnung; ein Umstand, der die Verwaltung vereinfacht und zusätzliche Planungssicherheit schafft.

Weitsicht ist die Erfolgswährung von morgen

Wer heute Gebäude plant, die 90 Prozent ihrer Energie zukaufen müssen, baut den Schrott von morgen. Denn die teuersten Fehler eines Bauprojekts entstehen bereits im Entwurf.

Prof. Timo Leukefeld, Associated Partner von 3lectrify, Keynote-Speaker, Experte für Zukunft, Energie und energieautarke Gebäude.

Die Effekte auf die Wirtschaftlichkeit sind erheblich: Eigentümer gewinnen eine Transparenz zurück, die in vielen Projekten längst verloren gegangen ist. Wer die Betriebskosten eines Gebäudes über Jahrzehnte hinweg verlässlich prognostizieren kann, reduziert nicht nur wirtschaftliche Risiken, sondern schafft gleichzeitig die Grundlage für stabilere Renditen. Genau diese Stabilität wird zunehmend zu einem entscheidenden Kriterium für Banken, Finanzierer und institutionelle Investoren, die Projekte heute stärker denn je nach ihrer langfristigen Resilienz bewerten.

Deutlich bessere Planbarkeit über Jahrzehnte

Besonders deutlich wird dieser Effekt bei der Betrachtung der Gesamtkosten über den Lebenszyklus einer Immobilie. Während klassische Heizsysteme häufig von hohen Investitionen, regelmäßigen Wartungsaufwendungen und späteren Ersatzinvestitionen geprägt sind, profitieren elektrische Konzepte von ihrer strukturellen Einfachheit. In Kombination mit Photovoltaik entstehen dadurch Kostenstrukturen, die über Jahrzehnte hinweg deutlich besser planbar bleiben. Die Immobilie wird weniger anfällig für externe Preisschocks und gewinnt gleichzeitig an wirtschaftlicher Robustheit.

Damit geht es beim All-Electric-Building-Modell letztlich um weit mehr als um eine neue Form des Heizens. Es geht um einen grundlegend anderen Blick auf Immobilien. Während viele Konzepte versuchen, die Folgen einer unsicheren Zukunft zu bewältigen, setzt dieses Modell direkt bei deren Ursachen an. Es reduziert Abhängigkeiten, vereinfacht Systeme und schafft die Voraussetzungen für langfristig kalkulierbare Erträge.

96,4 Prozent der Unternehmen beklagen gestiegene Einkaufskosten

Die leise Hoffnung unter unseren Mitgliedsbetrieben, es könne mit der Baukonjunktur im Jahr 2026 wieder bergauf gehen, hat sich leider jäh zerschlagen.

Georg Gerhäuser, Präsident des Landesverbandes Bayerischer Bauinnungen (LBB)

In einer Zeit, in der Unsicherheit für viele Marktteilnehmer zum Normalzustand geworden ist, wird genau diese Fähigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Denn Rendite ist nicht allein eine Frage ihrer Höhe. Rendite ist vor allem eine Frage ihrer Verlässlichkeit. Und genau darin könnte die wichtigste Währung der Immobilienwirtschaft von morgen liegen: in der Rückkehr der Planbarkeit.