Es ist heiß in Deutschland. Sehr heiß sogar. In diesem Sommer wurden Temperaturen von beinahe 42 Grad erreicht, es gab die wärmsten Nächte seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Krankenhäuser kamen ans Limit, Innenstädte heizten sich zu Glutöfen auf, Wohnungen wurden zu Wärmespeichern, die Infrastruktur geriet an ihre Grenzen. 10.000 Menschen verloren infolge der Hitze ihr Leben.
Was ist zu tun? Wie kann man darauf reagieren? Die Frage lautet längst nicht mehr, ob wir unsere Städte und Gebäude an ein verändertes Klima anpassen müssen. Die Frage lautet vielmehr: Wie? und wie schnell kann das gehen? Lösungen werden im Bereich neuer Technologien vermutet: Wir brauchen noch leistungsfähigere Klimaanlagen, noch intelligentere Kühlsysteme, eine noch smartere Gebäudetechnik. Valide Optionen. Doch Technologie alleine - das ist unsere Prognose - wird nicht mehr reichen.
Nicht gegen das Klima, sondern mit ihm
Deshalb lohnt sich ein Blick zurück. Denn die Frage, wie Menschen unter unmenschlichen klimatischen Bedingungen angenehm leben können, beschäftigt Architekten und Baumeister schon seit Jahrtausenden. Seit Menschen in Regionen siedeln, in denen Temperaturen von 40 oder sogar 50 Grad Celsius zum Alltag gehören.
Wie lauteten die Antworten damals? Und was können wir heute noch daraus lernen? Spoiler: Die erste Klimaanlage der Menschheit war Architektur. Schon Sokrates (469–397 v. Chr.) beschreibt ein antikes Konzept der passiven Solarnutzung. Sein Sonnenhaus nutzt die Südausrichtung, ein überstehendes Dach und dicke Wände, um im Winter zu wärmen und im Sommer zu kühlen.
Wer historische Bauwerke unter der Perspektive der Klimatauglichkeit betrachtet, erkennt ein Prinzip: Die Architekten kämpften damals nicht gegen das Klima. Sie arbeiteten mit ihm. Das Bemerkenswerte daran: Es klappt trotzdem. Denn schon lange bevor es Strom, Klimaanlagen oder Wärmepumpen gab, haben Baumeister smarte Gebäude konzipiert, die trotz der klimatischen Bedingungen erstaunlich angenehm blieben. Nicht mithilfe komplizierter Maschinen, sondern durch ein tiefes Verständnis von Physik, Material und Architektur. Heute würden wir diese Lösungen vermutlich Low-Tech nennen.
Alhambra, maurische Schönheit und Klimawunder
Besonders eindrucksvoll ist dieses Prinzip in einer der schönsten Festungsanlage Europas umgesetzt: in der Alhambra. Begeben wir uns also nach Andalusien, in den heißen Süden Spaniens, genauer nach Granada. Wer dort an einem Sommertag durch die engen Gassen der Altstadt flaniert, dann den Spaziergang über die Plaza Nueva und weiter durch die Pappelalleen hinauf zur Alhambra fortsetzt, der macht eine erstaunliche Erfahrung. Noch auf den hellen Stein des Vorplatzes brennt die Sonne, die Luft flimmert. Doch kaum betritt man die Mauern der filigranen Festungsanlage, verändert sich die Atmosphäre. Es wird kühler. Die Luft wirkt ruhiger, angenehmer, fast leicht. Nicht, weil irgendwo eine Klimaanlage läuft, sondern weil die Architektur selbst das Klima gestaltet.
Die Erbauer verstanden es bereits im 9. Jahrhundert meisterhaft, Luft und Material, Wasser und Schatten für sich arbeiten zu lassen. Schmale Gänge wechseln sich mit offenen Innenhöfen ab, Arkaden und filigrane Säulengänge spenden Schatten, massive Mauern halten die Kühle der Nacht über viele Stunden im Gebäude. Strategisch platzierte Brunnen, Wasserbecken und schmale Kanäle in den Höfen (wie dem Löwenhof) kühlen die trockene, heiße Sommerluft durch Verdunstung ab. Die Anordnung lenkt Luftströme gezielt durch den Palast und schafft ein Mikroklima, das selbst an heißen Sommertagen überraschend angenehm bleibt.
Was Besucherinnen und Besucher heute intuitiv als wohltuend empfinden, ist das Ergebnis eines hoch entwickelten Verständnisses von Bauphysik. Nicht Maschinen sorgten für Komfort, sondern das perfekte Zusammenspiel aus Wind, Wasser, Schatten, Material und Geometrie. Ähnliche Prinzipien findet sich in vielen antiken Kulturen.
Tiefes Verständnis von Bauphysik
In den heißen Regionen Persiens etwa haben Baumeister sogenannte Bādgir entwickelt, auch Windtürme oder Windfänger genannt. Ein Bādgir ist ein massiv gebauter Turm, der von den untersten Räumen eines Gebäudes bis über das Dach hinausreicht. Er ist unterteilt in vertikal geführte Lüftungskanäle, die oben in alle vier Himmelsrichtungen geöffnet sind und zur Steuerung einzeln verschlossen werden können.
Die Höhe des Turms ermöglicht einen auf Wärmeströmung beruhenden Kamineffekt: das Zuführen frischerer Luft und das ungehinderte Wirken des Windes. Oft wurde die Luft zusätzlich über Wasser oder unterirdische Wasserkanäle, sogenannte Qanate geführt. So entstand durch Luftströmung, Verdunstung und den natürlichen Kamineffekt eine erstaunlich wirkungsvolle Kühlung. Die Bauphysik hinter diesen Anlagen wird heute noch intensiv erforscht und dient als Vorbild für moderne Gebäude.
Wind ist aber nur eines von mehreren Prinzipien. Historische Städte nutzten konsequent Schatten. Tiefe Arkaden, enge Gassen, Loggien oder kunstvoll gestaltete Holzgitter wie die arabischen Mashrabiyas hielten direkte Sonneneinstrahlung von den Gebäuden fern und verbesserten gleichzeitig die natürliche Belüftung. Massive Lehm- oder Natursteinwände speicherten die Kühle der Nacht und gaben sie tagsüber langsam ab. Brunnen und Wasserbecken sorgten durch Verdunstung für zusätzliche Abkühlung. Innenhöfe schufen ein geschütztes Mikroklima, indem Pflanzen, Wasser und Luftströmungen zusammenspielten.
Wasser ist Leben - und Stadtklima
Doch kaum ein Element verbindet historische Baukunst und moderne Stadtplanung so offensichtlich wie Wasser. Schon lange wissen Baumeister, dass Wasser mehr ist als Trinkwasser oder ein Transportweg. Wasser ist ein wesentlicher Bestandteil der Klimatisierung. Nicht umsonst ist der Begriff Schwammstadt gerade in aller Munde.
Ob die kühlen Becken der Alhambra, die tiefen Brunnen römischer Atrien oder die kunstvoll angelegten Kanäle persischer Gärten: Wasser wurde schon lange eingesetzt, um Lebensräume auch an heißen Tagen angenehm zu halten. Angenehmer Zusatzeffekt: Wasserflächen reflektieren das Licht und speichern deshalb weniger Wärme als versiegelte Plätze aus Asphalt oder Beton. Architektur und Wasser wurden deshalb nicht getrennt gedacht, sondern als ein gemeinsames System.
Warum man Städte als System betrachten sollte
- 1.Die erste Klimaanlage war Architektur Schon antike und mittelalterliche Baumeister entwickelten Gebäude, die mithilfe von Wind, Wasser, Schatten und Material auch unter extremer Hitze ein angenehmes Raumklima schufen.
- 2.Low-Tech ist kein Rückschritt, sondern intelligentes Engineering Historische Bauwerke zeigen, dass physikalische Prinzipien wie Verschattung, Verdunstung, thermische Masse und natürliche Luftbewegung bis heute die Grundlage klimaangepasster Architektur bilden.
- 3.Wasser und Grün sind leistungsfähige Klimasysteme Von den Wasserbecken der Alhambra bis zu renaturierten Flüssen, Schwammstädten und begrünten Fassaden: Wasser und Vegetation kühlen Städte auf natürliche Weise und verbessern das Mikroklima.
- 4.Paris zeigt, wie historische Prinzipien heute wiederentdeckt werden. Entsiegelung, OASIS-Schulhöfe, Stadtgrün, weniger Autoverkehr und die Seine als Klimakorridor machen deutlich: Erfolgreiche Klimaanpassung entsteht durch das Zusammenspiel vieler einfacher Maßnahmen.
- 5.Die Zukunft des Bauens beginnt mit einem besseren Verständnis der Physik. Nachhaltige Innovation bedeutet nicht zwangsläufig mehr Technik. Wirklich zukunftsfähige Gebäude und Städte entstehen dort, wo Architektur, Natur und Technologie als Gesamtsystem gedacht werden.
Ein aktuelles Beispiel ist die Renaturierung der Isar in München. Wo früher befestigte Ufer und technische Wasserbauten dominierten, entstanden breite Kiesbänke, flache Uferzonen und naturnahe Auen. Das verbessert nicht nur die ökologische Qualität des Flusses, sondern schafft einen deutlich kühleren Stadtraum. Gerade an heißen Sommertagen wird die Isar zum natürlichen Klimakorridor, der Frischluft in die Stadt transportiert und den Menschen spürbar angenehmere Aufenthaltsorte bietet.
Grünere Städte sind kühlere Städte
Auch Pflanzen gehören zu den wirkungsvollsten Mitteln, um Hitze zu begegnen. Schon die legendären Hängenden Gärten von Babylon – unabhängig davon, wie genau sie historisch ausgesehen haben – stehen bis heute als Symbol für die Idee, Architektur und Vegetation miteinander zu verbinden. In vielen antiken und mittelalterlichen Städten sorgten Innenhöfe, Gärten, Pergolen und schattenspendende Bäume für kühlere Lebensräume.
Pflanzen beschatten nicht nur Fassaden und Plätze, sondern entziehen ihrer Umgebung durch Verdunstung Wärme und verbessern so das Mikroklima. Genau dieses Prinzip entdecken Städte heute wieder: aktuell werden hängende Gärten gebaut, Fassaden werden begrünt. Es gibt grüne Innenhöfe, Baumalleen und Parks, die weit mehr sind als gestalterische Elemente. Sie sind natürliche Klimaanlagen, die Temperaturen senken, Aufenthaltsqualität schaffen und Städte widerstandsfähiger gegenüber zunehmender Hitze machen.
Das Bemerkenswerte daran: Hinter all diesen Lösungen steht keine komplizierte Technik. Es sind dieselben physikalischen Prinzipien, die auch heute noch gelten: Konvektion, Verschattung, Verdunstung, thermische Masse und natürliche Luftbewegung.
Paris, eine Stadt als Klimasystem
Lange Zeit schien das Wissen um die Low-Tech Klimatisierung in Vergessenheit geraten zu sein. Klimaanlagen waren günstiger als kluge Architektur. Doch mit steigenden Temperaturen geraten technische Lösungen an ihre Grenzen, dafür erleben viele der alten Prinzipien derzeit eine bemerkenswerte Renaissance.
Paris ist diesbezüglich eines der interessantesten Beispiele Europas, weil die Stadt nicht auf eine einzelne Maßnahme setzt, sondern versucht, die gesamte Stadt als Klimasystem zu denken. Die Hauptstadt Frankreichs zeigt eindrucksvoll, wie jahrtausendealte Prinzipien in einer modernen Metropole wiederentdeckt werden. Die Stadt entsiegelt Plätze und Schulhöfe, pflanzt tausende neue Bäume, schafft sogenannte OASIS-Schulhöfe als kühle Rückzugsorte, begrünt Fassaden und bringt Wasser gezielt zurück in den öffentlichen Raum.
Auch ein restriktiver Umgang mit dem Auto gehört zur Pariser Klimastrategie. Die Stadt beschränkt den Durchgangsverkehr im Zentrum, reduziert Fahrspuren und Parkplätze, erhebt höhere Parkgebühren für besonders schwere Fahrzeuge und reserviert immer mehr öffentlichen Raum für Radwege, Bäume und entsiegelte Flächen. Dahinter steht eine einfache Erkenntnis: Weniger Autoverkehr verbessert nicht nur die Luftqualität. Er schafft auch den Platz, den eine hitzeresiliente Stadt für Schatten, Grün, Wasser und sichere Aufenthaltsräume benötigt.
Gleichzeitig werden die Ufer der Seine und anderer Gewässer als Frischluft- und Klimakorridore verstanden, die heiße Stadtquartiere abkühlen. Das Leitbild dahinter ist bemerkenswert einfach: Nicht eine einzelne technische Innovation soll die Stadt kühlen, sondern das intelligente Zusammenspiel von Wasser, Vegetation, Schatten und Luftströmungen. Genau jene Prinzipien also, die schon die Baumeister der Antike nutzten.
Jahrtausende altes Wissen neu entdecken
Die Geschichte zeigt, dass nachhaltige Innovation selten darin besteht, die Natur zu überwinden. Erfolgreiche Lösungen entstehen meist dann, wenn wir ihre Gesetzmäßigkeiten verstehen und für uns arbeiten lassen. Genau das verbindet jahrtausendealte Baukunst mit moderner Gebäudeplanung: Nicht maximale Komplexität, sondern ein intelligentes Zusammenspiel aus Physik, Architektur und Technologie.
Vielleicht ist die größte Innovation unserer Zeit nicht, immer neue Technologien zu entwickeln. Sondern den Mut zu haben, jahrtausendealtes Wissen neu zu entdecken und mit den Möglichkeiten moderner Ingenieurskunst zu verbinden. Denn die Stadt der Zukunft wird nicht gegen die Natur gebaut. Sie wird mit ihr gebaut.
All-Electric Buildings. Ihre Vision ist unsere Mission.
Uli John-Ertle — Co-Founder 3lectrify
